Die Berliner Mauer
in 6 Sekunden

Durch das Buzz-Wort „Snack-Content“ könnte man glauben, dass kurzer „snackable“ Content etwas Neues, eine Erfindung des digitalen Zeitalters ist. Ist es nicht, ebensowenig wie Content Marketing selber Die ganze Menschheitsgeschichte wird von kurzem Content geprägt. Seit jeher wird er eingesetzt, seit jeher sorgt er für die langjährigen Erinnerungsimpulse und das wird sich auch im digitalen Zeitalter nicht ändern.
(Neulich las ich einen Artikel zu Content Marketing-Trends für 2016, der den Lang-Content zum Nonplusultra erhebt und kurzen, „snackable“ Content als „schnell vergessen“ abtut.
So sehr ich den Autor auch schätze, aber hier irrt er gewaltig.)

Kurzer Content – prägnant, überzeugend und erinnerungsintensiv

„Ich bin ein Berliner.“ Vier Wörter aus einer wichtigen Rede von John F. Kennedy, die den kalten Krieg wie kein anderer Satz beschreiben. Eine Metapher. Kurzer, kalkuliert eingesetzter, „snackable“ Content, der für schnelles Verstehen und lange Erinnerung sorgen soll. Ein Klakül, das aufging. Kennen Sie noch den Rest der knapp 9-minütigen Rede? Sehen Sie.

Der Marathonlauf begann laut Plutarch im Jahr 490 v. Chr. mit dem Satz „Wir haben gesiegt“, mit dem der griechische Bote Pheidippides den Sieg der Athener in der Schlacht von Marathon verkündete und anschließend tot zusammenbrach, nachdem er zuvor die Strecke von Marathon nach Athen laufend zurückgelegt hat. Er hat nicht die ganze Schlacht geschildert, sondern ihr wichtigstes Ergebnis kürzestmöglich zusammengefasst. Eine Legende, die bis heute in Erinnerung blieb.

Es gibt viele weitere Beispiele aus der Geschichte, vom Kniefall Willi Brandt’s vor dem Ehrenmal des Warschauer Ghetto bis zu „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“- Gesten und kurze Worte, die uns emotional packen und in Erinnerung bleiben.
Auch aktuell sind es z.B. nicht viele lange Artikel, die Bewegung in die Flüchtlingsdiskussion gebracht haben, sondern das einzelne Bild eines toten Flüchtlingsjungen am Strand. Kurzer, emotionalisierender Content.

TV, Hörfunk und Print Eigentlich basiert der größte Teil unseres Informationslebens hauptsächlich auf der kurzen, kompakten Information. Die lange, ausführliche Info wird nur dann konsumiert, wenn uns das Thema besonders wichtig erscheint und wir Zeit haben, uns damit zu befassen.
Die durchschnittliche Meldung in einer TV- oder Hörfunk-Nachrichtensendung ist eher kurz, meist deutlich unter einer Minute.
Print-Presseartikel werden immer mit Headline, häufig mit Leadtext versorgt, da man weiß, dass dies immer gelesen, der Langtext jedoch meist nur quergelesen wird.

Mund zu Mund Propaganda besteht im ersten Informationsfluß aus selten mehr als drei, vier den Sachverhalt zusammenfassenden Sätzen.

Der Wunsch, einen anderthalbstündigen Spielfilm anzuschauen oder auch nicht, bildet sich fast immer entweder über einen kurzen Trailer, ein Plakat oder eine kurze, Appetit anregende Inhaltsbeschreibung im Programmheft.

Die Entscheidung, was man in einem Restaurant ißt, wird über einen 2-Zeiler in der Speisekarte getroffen.

Wer jemals im Krankenhaus war und eine Ärztekolonne erlebt hat, weiß, dass eine oft jahrelange Krankengeschichte in ein kurzes Briefing aus drei bis vier Sätzen und einem Röntgenbild zusammengefasst wird, um dem Chefarzt eine perfekte Entscheidungsgrundlage für die weitere Behandlung zu geben.

Selbst die langjährigsten Liebesbeziehungen beginnen sehr häugig mit einem ersten kurzen Kennenlernen – in der digitalen Welt sogar manchmal nur mit einem Foto und einer Kurzbeschreibung
Auch das Ende einer Liebesbeziehung wird häufig von einem einzigen Satz, Wort oder einer Geste mit einem von 10 Fingern eingeläutet ;-)

Ein Curriculum Vitae fasst das ganze Leben in wenigen Zeilen zusammen.

Unser Lernen ist am effektivsten, wenn wir sogenannte Eselsbrücken bilden, also kurze Verknüpfungen, die man sich leicht und lange merken kann.
Daraus resultieren in der Werbung die sogenannten Claims und Slogans, mit denen sich Unternehmen positionieren und sich in den Gehirnen ihrer Kunden für lange Zeit verankern – und die nur kurz und reduziert funktionieren.

Fazit

1.
Langer Content sorgt (wie Sie das jetzt und hier tun) für die ausführliche und detaillierte Information über einen Sachverhalt. Kurzer Snack-Content sorgt für Emotionen und lanfristige Erinnerungsimpulse.
2.
Kurzer Snack-Content bahnt den Weg zu Lang-Content. Ohne ihn wird Lang-Content in den meisten Fällen gar nicht erst wahrgenommen.
3.
Snack-Content wird künftig Markenbilder prägen, vielleicht sogar stärker und intensiver als langer und ausführlicher Marken-Content.

autor: franz-josef baldus,
koelnkomm socialmedia
geschäftsführer

publiziert am 23.12.2015