TikTok

TikTok, in China bekannt als Douyin, ist laut Wikipedia ein Videoportal für kurze Videoclips und die Lippensynchronisation von Musikvideos – letzteres in der Nachfolge von “Musical.ly”.
Mit nahezu einer Milliarde aktiver Nutzer ist TikTok eines der am schnellsten wachsenden sozialen Netzwerke weltweit.
Der Ursprung von TikTok liegt in China. Betreiber ist das Unternehmen Bytedance – aktuell das wertvollste StartUp in China.

Obwohl ich bekanntlich ein großer Fan kurzer Snack-Content Videos bin, werde ich mich auf TikTok nicht engagieren.
Warum?
Eine kurze Erklärung.
(Quellen und weiterführende Artikel sind verlinkt.)

Zensur und autoritäre Strukturen in China

Inspiriert von den Reformbestrebungen in Polen und der Sowjetunion, demonstrierten seit April 1989 auch in China die Studentenbewegung und viele andere Menschen für politische Neuerungen.

Auch am 03. Juni 1989 protestierten Tausende friedlich an Tian’anmen Platz für Reformen und Demokratisierung, als der Protest mit militärischer Gewalt und großer Brutalität beendet wurde. Man spricht seither vom “Tian’anmen-Massaker”, bei dem innerhalb von zwei Tagen nach Schätzungen des Roten Kreuzes 2.600 Menschen starben und mehr als 7.000 verletzt wurden.
Seither hat sich China zwar wirtschaftlich stark entwickelt, die autoritären staatlichen Strukturen hingegen sind geblieben, insbesondere auch die rigide Zensur unliebsamer Nachrichten.
Reporter ohne Grenzen bezeichnet Chinas Presse-Situation als „sehr ernst“ und stellt es in der Rangliste der Pressefreiheit auf Rang 177 von 180.

TikTok und die chinesische Staatsmacht

Mehr als einmal wurde bereits von seriösen Medien darüber berichtet, dass TikTok-Betreiber Bytedance eng mit der chinesischen Regierung zusammenarbeitet.
Der unabhängige Think-Tank Australian Strategic Policy Institute beschuldigt Bytedance konkret, mit Sicherheitsbüros sowohl in China als auch in Xinjiang zusammenzuarbeiten, die strikten Zensurregelungen der Kommunistischen Partei zu übernehmen und umzusetzen und so eine aktive Rolle in der Verbreitung der Propaganda der chinesischen Regierung zu spielen.

Zudem schwebt die Mutmaßung über TikTok, User-Daten an die chinesischen Behörden weiterzugeben. In dem Zusammenhang raten nicht nur das Bundesamt für Verfassungsschutz sowie der Bundesbeauftragte für Datenschutz ausdrücklich zur Vorsicht und betonen, dass es sich hier aus datenschutzrechtlichen Aspekten um „eines der gefährlichsten Angebote“ handelt, auch die US-Geheimdienste scheinen dieser Ansicht zu sein, denn seit Dezember 2019 ist es Angehörigen der US-Army verboten, TikTok auf dienstlichen Smartphones zu nutzen, weil man TikTok für “Cyber Threat”, also eine Bedrohung hält und einen Spionageverdacht nicht ausschließen kann.

Zensur und autoritäre Strukturen bei TikTok

So nett und lustig TikTok auch daherkommt – im Inneren herrschen klare und rigide politische Anweisungen.
Alle hochgeladenen Videos werden von künstlicher Intelligenz und Moderator*innen gesichtet und bewertet. Diese sitzen in Berlin, Barcelona und in Peking.
Moderiert wird laut Netzpolitik.org in drei Review-Stufen.
Der erste Review findet schon nach 50 bis 150 Videoansichten in Barcelona statt.
Berlin ist für den zweiten Review bei 8.000 bis 15.000 Ansichten und den dritte Review bei etwa 20.000 Ansichten zuständig.
Nachts moderieren zudem deutschsprachige Chines*innen von Peking aus Inhalte.
Für unliebsame Inhalte existieren vier Einstufungen:

Gelöscht werden zunächst mal Beiträge, die komplett gegen die Auflagen der Plattform verstoßen. Hierzu bekommen sie eine “Deletion” Einstufung durch die Moderation.
Diese Regelung gilt zwar prinzipiell auch bei nahezu allen anderen Plattformen und ist eigentlich nicht zu beanstanden, aber bei TikTok geht es wohl nicht nur darum, Hass, (Kinder-)Pornographie oder ähnliches fernzuhalten, sondern es werden auch politisch unliebsame Themen weggefiltert. Dazu später mehr.

Die Einstufungen „not for feed“ oder „not recommend“ bedeuten, dass das Video nicht mehr im algorithmisch kuratierten Newsfeed auftaucht, den die Nutzer*innen beim Öffnen der App sehen.
Das geht soweit, dass bei der vierten Einstufung „visible to self“ der Beitrag nur noch demjenigen angezeigt wird, der ihn auch veröffentlicht hat.

Diese Art der Zensur ist besonders subtil, denn während die Löschung von Beiträgen sofort auffällt, ist eine Reichweitenreduzierung für Außenstehende kaum nachzuvollziehen und ohne Whistleblower auch kaum zu beweisen.
Davon betroffen sind unzählige Accounts, unter anderem auch der hier so hochgelobte (aber intern umstrittene) TikTok-Account der Tagesschau, der auf der chinesischen TikTok-Version “Douyin” im übrigen überhaupt nicht auftaucht.
Tagesschau und der ARD/ZDF-Content-Kanal funk hatten mehrfach auf TikTok über chinakritische Themen informiert, zum Beispiel wie ein Polizist in Hongkong eine schwangere Passantin mit Pfefferspray attackiert und sie anschließend brutal zu Boden zieht. Bereits nach 16 Minuten wurde das Video ohne Angaben von Gründen gelöscht.
Auch VICE publizierte einige Videos und war anschließend in mindestens neun Fällen überrascht, dass sie aus den Hashtag-Suchergebnissen bei TikTok verschwunden waren.
Selbstverständlich wurden auch 2019 von vielen Protestlern in Hongkong TikTok-Beiträge erstellt – alles andere wäre bei reichweitenstarken Plattformen wie TikTok oder Twitter auch realitätsfern anzunehmen.
Sucht man jedoch bei TikTok mit dem Hashtag #hongkong nach Beiträgen, so werden lediglich die üblichen lustigen Filmchen angezeigt, jedoch keine, die einen politisch negativen Unterton haben. Ganz im Gegensatz zu Twitter, wo man zahlreiche derartige Tweets findet.

Zensiert werden bei TikTok ebenfalls Inhalte mit Kritik am chinesischen Sozialismus.
Falun-Gong-Inhalte werden regelmäßig als „Gewalt“ eingestuft, um sie löschen zu können, selbst wenn der Beitrag weder Gewalt beinhaltet noch zu Gewalt aufruft.
Auch Themen wie Glaubenskonflikte oder ethnische und politische Konflikte sind auf TikTok unerwünscht. Das Anstossen von Debatten soll offensichtlich vermieden werden.

Zudem gibt es länderspezifische Regeln, die meiner Ansicht nach zurecht kritisiert werden:
In der türkischen TikTok-Region beispielsweise ist Kritik an Präsident Erdoğan verboten, ebenso die Thematisierung nicht-islamischer “Götter“ wie Jesus, Maria oder Engel.

Unerwünscht auf TikTok ist auch die Homosexualität oder deren Befürwortung – und zwar weltweit, also auch dort, wo es längst schon homosexuelle Ehen gibt.

Fazit

Lustig und sympathisch ist bei TikTok allenfalls die Fassade – und zwar gemessen an den gewichtigen Kritikpunkten auf eine geradezu absurde Art und Weise.

Alle negativen Kritikpunkte auszublenden kann man Jugendlichen oder Erwachsenen ohne das entsprechende Hintergrundwissen vielleicht noch verzeihen, einem Unternehmen oder einer Marke hingegen nicht. Unternehmen sollten und müssen etwas genauer hinschauen.

So verführerisch die Reichweite auch sein mag, so sehr muss sich jedes Unternehmen und jede Marke auf der Plattform die Frage gefallen lassen, warum sie ein autoritäres chinesisches Zensursystem wie bei TikTok durch Mitmachen unterstützt. Und jede Marke sollte sich darüber im klaren sein, dass diese Kritikpunkte oder die Naivität ihres Leugnens letztlich negativ auf das eigene Markenkonto einzahlen – nicht nur bei mir, gewiß auch bei anderen kritisch denkenden Menschen.
Und das Problem wird bleiben!
Denn wie das bei berechtigter Kritik so üblich ist, wird sie nicht einfach so verstummen.

Franz-Josef Baldus, Akademieleiter der Vine Academy Deutschland

Franz-Josef Baldus, GF koelnkomm kommunikationswerkstatt

franz-josef baldus,

geschäftsführer koelnkomm kommunikationswerkstatt

Veröffentlicht am 22.04.2020